Verfasser/in der Frage

22.02.2018 21:09:24

Lieber Patrick,
Du bist ja einer unserer inhaltlichen Impulsgeber im Rahmen unserer Dialog-Veranstaltung am 08.03. „Die Verantwortung der Wirtschaft in der Gesellschaft“. Speziell wirst Du dabei ja aus der Sicht der Medien und die Rolle der Medien für den Dialog / „Auseinandersetzung“ zwischen Wirtschaft und Gesellschaft eingehen. Bevor ich darauf eingehe jedoch die Frage an Dich, wie ist denn Dein Blick auf die so viel zitierte Vertrauenskrise in die Unternehmen und ihre Führungskräfte und worin siehst Du denn die Ursachen?

Bin gespannt auf Deine Gedanken.

Viele Grüße,
Clemens

23.02.2018 10:05:16

Lieber Clemens,

wenn du von "Vertrauenskrise in die Unternehmen" sprichst, gehe ich jetzt einfach mal davon aus, dass du die Öffentlichkeit in Deutschland meinst. Darauf wird sich meine Antwort nun beziehen.

Was wir derzeit generell erleben sind mannigfaltige Vertrauenskrisen auf sehr vielen Ebenen und in vielen Bereichen. Man könnte sie fast "systemisch" benennen. Ein möglicher Grund für diese – gefühlt und noch nicht empirisch belegte – Vertrauenskrisen ist der radikale Medienwandel, den ich mal unter dem Stichwort "Digitalisierung" einordne. Mein Lieblingsslogan in diesem Zusammenhang ist: Das Internet macht Unsichtbares sichtbarer. Und zwar weltweit.

Marshall McLuhan prophezeite diesen Zustand als eine Art globales Nervensystem. Wir sind wie Neuronen miteinander verbunden und feuern Informationen wie wild umher. Früher waren wir getrennter, vor allem auf globaler Ebene. Heute sind wir in ein Echtzeit-Nervensystem angebunden. Das führt dazu, dass wir sehr viele Probleme auf der Welt durch die neue digitale Technologie sichtbarer machen. Und dort wo Menschen sich zu Systemen zusammenschließen (eben auch Unternehmen), da geschehen Fehler und es geschehen Verstöße gegen Moral und Recht – die man unbedingt auch getrennt voneinander betrachten sollte, aber natürlich viel gemeinsam haben.

Unternehmen sind oft Systeme, die nach einer primären Leitlinie agieren: Selbsterhaltung (und Wachstum) durch Profitmaximierung. Rechtliche Normen bilden hier die wichtigsten Leitplanken. Das sind von Politik und Gesellschaft formulierte Regularien, an die sich viele Unternehmen freiwillig nicht halten würden, wenn es sie nicht gäbe. Verstößt ein Unternehmen gegen ein Gesetz, so wird das in der Regel öffentlich und die Öffentlichkeit wird darauf aufmerksam und registriert nicht nur den Verstoß gegen diese Norm, sondern beobachtet auch sehr genau den Umgang mit dem Verstoß. Also gibt es so etwas wie Reue oder will das Unternehmen das am liebsten unter den Teppich kehren? Menschen spüren da sehr genau wie ein Unternehmen agiert und ob es glaubwürdig agiert. Normalerweise wird hier immer noch die Strategie der Schadensbegrenzung und der Salami-Taktik angewendet, was aber im digitalen Zeitalter aus der Zeit gefallen wirkt. Eben weil man kaum noch was geheim halten kann.

Neben den Gesetzen, gibt es auf der zweiten Ebene moralische Normen. Das sind Normen, die bisher noch nicht in Gesetze gegossen wurden und daher auch noch nicht institutionell verankert sind. Dennoch ist ein Verstoß gegen diese Norm emotional bei vielen Menschen genauso empörend wie ein Verstoß gegen das geltende Recht. Viele Unternehmen halten sich an Gesetze (weil sie es müssen aufgrund von drohenden Strafen) aber ihnen ist vielleicht die moralische Norm völlig gleichgültig, weil sie eben ein ganz anderes Ziel verfolgen, und gerade nicht primäres Interesse an Faktoren wie sozialem Frieden, Allgemeinwohl, Tierschutz etc. pp. haben.

Unternehmen werden von Markt und Gesetz reguliert, aber eben nicht durch moralischen Anspruch, womit wir bei den Führungskräften wären. Führungskräfte unterwerfen sich der unternehmerischen Norm. Sie müssen zuallererst Performance im Bereich der Ökonomie liefern. Sie sind durch Shareholder unter Druck (gilt übrigens gerade auch bei den Medien) und sind daher auch gezwungen persönliche Rollen abzulegen und eben dann im Namen des Unternehmens ethische Grenzen zu überschreiten. Erst im Kleinen, dann – je höher der Druck – im Großen. Volkswagen ist dafür vermutlich mittlerweile ein Paradebeispiel. Also auf der einen Seite ein ökonomischer Druck auf der anderen Seite moralische Normen ohne Gesetze, die es nicht zwingend einzuhalten gilt. Wenn diese dann aber doch verletzt werden, so verletzt es zugleich die Gefühle der Menschen, die besonders an diese moralischen Normen gebunden sind. Beispiel "Tierversuche". Tierschützer sind wesentlich mehr davon verletzt als Menschen, denen das relativ egal ist. Was aber nun durch Digitalisierung passiert ist die Vernetzung der Tierschützer mit dem allgemeinen Diskurs. Sie können nun diese moralische Verfehlung schneller und breiter kommunizieren als je zuvor und damit auch stärkeren sozialen Druck aufbauen, bis hin zum Druckmittel des Marktes. Das würde sich dann zum Beispiel durch Boykott-Kampagnen im Netz ausdrücken.

Langer Rede kurzer Sinn: Im Internet werden Menschen bombardiert mit Verfehlungen. Medien tendieren im Übrigen auch dazu Verfehlungen eher aufzugreifen als Regeleinhaltungen. "Unternehmen XYZ hält sich an Regel XY" wird man in den Nachrichten leider nie zu sehen bekommen. Somit entsteht eine Wirklichkeitsverzerrung. bei den Rezipienten Wir sehen im wahrsten Sinne des Wortes schwarz. Und das wiederum führt dazu, dass Vertrauen insgesamt erodiert. Weil Menschen aus Gründen der Komplexitätsreduktion Schubladen aufmachen und pauschalisieren. Wenn mehrere Unternehmen aus einer Branche offensichtlich gegen geltendes Recht verstoßen haben, so ist die ganze Branche in Verruf. Häufen sich die Branchen so sind es irgendwann alle Unternehmen. Sind es nicht nur Unternehmen sondern auch die verzahnte Politik, so sind es irgendwann die "Eliten" im Ganzen usw.

Das ist die Mechanik die meines Erachtens dahinter steckt und ich hoffe ich konnte das einigermaßen verständlich rüberbringen.

Nochmal als Strichliste:
– Verfehlungen von Unternehmen finden statt
– Führungskräfte sind Repräsentanten von Unternehmen und damit Verantwortliche für Verfehlungen
– Verfehlungen werden öffentlicher durch digitale Medien
– Je häufiger Verfehlungen stattfinden, desto weniger Vertrauen insgesamt in Unternehmen
– Je weniger Vertrauen, desto schwieriger wird es für ethisch korrekt handelnde Unternehmen wahrgenommen zu werden, weil auch sie stets dem ökonomischen Druck unterliegen.

Liebe Grüße
Patrick

25.02.2018 17:39:50

Habe vielen Dank, lieber Patrick, für Deine Gedanken, die ich sehr gut nachvollziehen kann. Für mich stellen sich daran anschließend zwei Fragen: zum einen, warum es zu keinem Aufbrechen von Führungskräften und Unternehmen kommt abseits des Lobbying und Reputation Management? Die Spaltung in eine private Rolle und eine Rolle als Funktion „als Manager als Teil des Systems nur auf mein operatives Business und Ziele mich zu fokussieren und nur „funktionieren“ zu müssen halt ich für gefährlich. So etwas hatten wir schon zu Zeiten des Nationalsozialismus wo alle nur zugeschaut haben.

Die „Opferhaltung“ ich kann nicht anders, da mich das System dazu zwingt, lasse ich nicht gelten. Da gerade von der Führungselite ich ein anders Selbstverständnis erwarte; wenn nicht die (wir), wer denn dann soll und kann Veränderungen initiieren? Insgesamt mangelt es mE einer an einem gesellschaftlichen und politischen Bewusstsein und der Verpflichtung Position zu beziehen und dies nicht nur der PR / Kommunikations-Abteilung zu überlassen.

Die zweite Anschlussfrage bezieht sich auf die Rolle der Medien, die Du ansprichst. Auch da kann ich natürlich der Ökonomie des Medien / Vermarktung(Fähigkeit) etc. folgen, zugleich bleibt auch hier die Frage nach gutem Journalismus, Selbstverständnis und Standhaftigkeit sich auch der Kommerzialisierung zu entziehen und der Rolle der Medien gesamthaft nachzukommen: nicht Zerrbild und selbst manipuliert zu sein im Sinne von Fake News (die durchgereicht werden) und „Propaganda“ sowie unserer täglichen Desinformation wie schon Wolf Schneider in den 80er Jahren schrieb. Letztendlich braucht es hier doch auch Initiativen und ein Aufbegehren und zugleich Rückbesinnung. Das der Konsument das alles will, erlebe ich nicht in meiner Lebenswirklichkeit. Ihr mit ZDF digital geht ja auch neue Wege. Vielleicht kannst Du auch das ein wenig einordnen.

Herzlich, Clemens

27.02.2018 13:22:45

Zur Frage 1:
Ein möglicher Vergleich mit dem Nationalsozialismus ist in diesem Kontext natürlich sehr schwierig, weil dieses Reizwort umgehend die Sachlichkeit aus einer Debatte nehmen kann. Ganz abwegig ist das Grundmuster des dahinter steckenden Gehorsams natürlich nicht. Bezieht man sich dahingehend auf Theodor Adornos Theorien, so hat dieser ja der damaligen Gesellschaft im Nationalsozialismus einen autoritären Charakter attestiert, d.h. Menschen waren (und sind vermutlich immer noch) autoritätshörig. Das scheinbar Selbstverständliche nicht sehr oft zu hinterfragen ist sicherlich keine typisch deutsche Eigenschaft, sondern wohl eher eine sehr menschliche. Wirft man nämlich einen Blick auf einen anderen Sozialtheoretiker wie Niklas Luhmann, so strebt der Mensch in seinem Leben stets nach Komplexitätsreduktion. Vertrauen reduziert Komplexität. Und Autorität ist im Grunde ein künstlich erzwungenes Vertrauensverhältnis, weil in einer autoritären Beziehung klar geregelt ist wer das Sagen hat und aber auch wer die Verantwortung übernimmt. Natürlich muss man da bedenken dass nicht akzeptierte Autorität alles andere als eine Vertrauensbeziehung ist. Wenn aber sich beide Seiten darauf einlassen dann wirkt das wie Vertrauen. Autoritäre Strukturen (Hierachien) reduzieren Komplexität. Das ist sicherlich keine Entschuldigung für das Weggucken bei ethischem Fehlverhalten aber eine vielleicht nicht unwichtige Erklärung warum das ganze System sich so stabil selbst erhält. Die allermeisten Menschen sind ja keine Soziopathen, sie blenden aber sehr viel aus um in ihrer beruflichen Rolle klar zu kommen. Denn neben dem Beruf gibt es ja noch so viele andere komplexe Rollen, die Mensch ausfüllen muss. Mutter, Vater, Freund, Ehemann/frau, Sohn/Tochter usw. Als Führungskraft Verantwortung zu übernehmen und gegen den Strich zu handeln ist einfach um ein vielfaches anstrengender. Das muss man am Ende auch anerkennen. Und genau an dem Punkt mangelt es. Verantwortungsvolles Handeln wird zu wenig belohnt und verantwortungsloses Handeln zu wenig sanktioniert. Auch hier fällt einem auf Anhieb Volkswagen ein. Man differenziert auch gar nicht mehr in diesem Fall. Sicherlich gab es auch verantwortungsbeusste Ingenieure und Führungskräfte, die sich gegen den Betrugsversuch gestellt haben. Die tauchen aber gar nicht mehr im Diskurs auf. Ansonsten bin ich grundsätzlich sehr skeptisch ob sich die Grundhaltung und die Grundwerte eines etablierten Unternehmens wirklich verändern lassen – trotz zahlreicher Bemühungen im CSR Bereich. Daher bin ich eher der Ansicht, dass es die neuen Gründer sind, die eine Transformation herbeiführen. Die von vornherein ihr Business mit "Social Impact" Anspruch aufziehen und diese Haltung durchweg verfolgen und sich entsprechende Leute holen. Und das ist auch noch mal ein wichtiger Punkt. Es gibt ja viele Führungskräfte die Verantwortung übernehmen. Viele verändern ein Unternehmen, einige gründen selbst eines oder Dritte ziehen die Konsequenzen und verlassen ein unethisches Unternehmen. Alles nach der Devise "Change it, love it or leave it."

Was ich von der Führungselite im Übrigen erwarte ist der regelmäßige Blick über die eigene Filterblase hinaus. Manager müssen mit der gesamten Realität konfrontiert werden. Sie müssen sehen und spüren können welche Konsequenzen ihre Entscheidungen nach sich ziehen. Erst dann schafft man die Voraussetzung zum Umdenken. Empathie ist das Schlüsselwort und Empathie wird in den allermeisten Entscheidungen in der Managerbubble ausgeblendet, eben weil man die negativen Konsequenzen einer Entscheidung nicht sieht, bzw. man sich nur auf eine Konsequenz konzentriert: Der Zahl im Excel-Sheet.

Zur Frage 2:
Hier gelten die gleichen Systemregeln wie bei anderen Unternehmungen. Und natürlich gibt es vereinzelte Initiativen und Gegenbewegungen. Bei all der Kritik an den öffentlich-rechtlichen Medien sei gesagt, dass dieses Sondersystem tatsächlich in der Hinsicht noch einige Freiheiten bietet anderen Journalismus als die Privatmedien zu machen. Nichtsdestotrotz gilt auch hier die Ökonomie der Aufmerksamkeit. ZDF Digital ist ja nicht das ZDF, wir sind eine Medienproduktion als GmBH und erhalten also Aufträge vom Sender und auch von Unternehmen. Daher kann ich diesbezüglich aus unserer Sicht wenig sagen. Aber natürlich haben wir eine Haltung und formulieren Ideen und Konzepte. Um es auch hier noch mal deutlich zu betonen: Es gibt Alternativen, vielleicht steht am Ende auch das Publikum in der Pflicht ihr eigenes Mediennutzungsverhalten kritisch zu reflektieren und die stillen, guten Dinge stärker zu empfehlen. Denn ganz ohen Publikumsresonanz wird es leider nicht gehen.

Liebe Grüße
Patrick

03.03.2018 11:47:26

Habe Dank Patrick für Deine Erläuterungen. Auch die spannenden Darlegungen und Perspektiven / Blicke auf Autorität und Vertrauen sowie die Spannungsfelder von Führungskraft / Unternehmen sowie Medien. Du schreibst Du bist eher skeptisch bzgl. der Veränderungsfähigkeit von innen der Unternehmen, sondern Du setzt mehr auf die neuen Gründer, die von Beginn an den Social Impact im Blick haben. Wovon braucht es in diesem Zusammenhang mehr? Was macht Dich hier zuversichtlich? Werden nicht auch diese Neugründer im Sinne der normativen Kraft des Faktischen den entsprechenden Profit zu generieren und im Zuge des Wachstums auch wieder „eingeholt“? Ich frage mich, ob nicht der Mensch in unserem Menschenbild „frei sein muss“, um die Systeme zu gestalten und nicht die vorhandenen Systeme, die uns nur noch einem gewissen Rahmen die Freiheit schenken oder glauben lassen, diese zu haben. Oder sind wir mittlerweile wie beim Zauberlehrling so weit, dass wir die Kontrolle verloren haben …? Gerade auch im Zuge der Digitalisierung und der diversen gesellschaftlichen Fragen und Herausforderungen laufen wir ja mit unseren alten Regelungen und Systemen um Jahre / Jahrzehnte hinterher, während laufend Fakten geschaffen werden, so dass weniger wir als Menschen unsere Gesellschaft in der wir leben wollen aktiv gestalten, als vielmehr Technologien und ihre Anwendungen unsere Lebenswirklichkeit diktieren. Daher zurück zur Grundfrage nach Deinem Blick und Deiner Hoffnung auf Veränderungen und mehr eigener Gestaltungskraft für die Zukunft.

05.03.2018 09:32:21

Ich kann ja nur meine persönliche Denkweise zu dieser Thematik anbieten. Meine These lautet in der Tat, dass Neugründungen eine ganz andere kulturelle Wirkmächtigkeit haben können als der Versuch alte tradierte Systeme zu "reparieren". Alle Unternehmen begannen mit einer Pionierleistung, einer klaren Haltung, nämlich der jeweiligen Gründer. Alle tradierten Unternehmen begannen auch mit einer Innovation. Spätestens wenn dieser Pioniergeist nicht mehr vorhanden ist, droht ein Unternehmen in den Verwaltungsmodus zu driften. Dann geht es nur noch um Effizient, Profit und das Beste aus dem rausholen was vor vielen Jahren erschaffen wurde. Volkswagen ist auch hier wieder ein Paradebeispiel. Sie begannen mit Innovationen und als es nicht mehr mit Innovation ging, nutzte die Konzernführung den Betrug als Mittel zum Zweck. Der Zweck lautete: Weltherrschaft. Die weltweite Nummer Eins der Autobauer werden. Dabei blieben alle moralischen und ethischen Werte auf der Strecke. Ja noch schlimmer: Man nahm bewusst Gesundheitsschädigung von Mensch und Natur in Kauf um dieses Ziel zu erreichen. Das heißt man predigte den sauberen Diesel aber verkaufte eine "Drecksschleuder" (überspitz formuliert). Wenn man jedoch wirklich die Haltung besäße "Wir bauen in Zukunft saubere Autos", statt "wir wollen weltweit die Nummer 1 werden", so wäre der Pfad der VW Geschichte ganz anders verlaufen. Das meine ich mit der grundsätzlichen Haltung, die bis in die Tiefen einer Organisation durchsickert.

Bei Neugründungen und vor allem bei solchen die einen sozialen Anspruch verfolgen, steht eine Haltung von vornherein fest. Man kann sich Zug um Zug ausbauen und wachsen lassen. Übrigens ist auch ein Szenario des "Intrapreneurships" denkbar und wünschenswert. Also statt einen bestehenden Konzern komplett in einen Changeprozess zu verwickeln, könnte man auch einfach ganz neue Spin-Offs mit ganz neuer Haltung entwickeln. Ich glaube einfach dass die Kräfte in tradierten Systemen zu hoch sind, als dass man dort einen relativ schnellen Wandel erzeugen kann. Schon gar nicht wenn sich der "Purpose" eines Konzerns nicht grundlegend verändert. Klar werden Führungskräfte regelmäßig ausgetauscht, aber so lange die Leitidee die gleiche bleibt, ist es aus meiner Sicht nahezu unmöglich einen echten Kulturwandel zu erstellen, seien die Führungskräfte noch so motiviert und ehrenvoll.

Und natürlich können die idealistischen Pioniere von heute, gleich morgen wieder in die gleiche Logik von Profit und Wachstumswahn fallen. Aber sie besitzen m.E. dennoch eine höhere Chance als die bestehende wirksame Logik in Unternehmen zu durchbrechen.

Meine Hoffnung: Je mehr es diese Musterbrecher gibt (Also Sinn statt Profit) desto eher wird es als grundsätzliches Narrativ in die Interpretation von Wirtschaft einfließen. Das bricht dann mit dem scheinbar in Stein gemeißelten Narrativ "Unternehmen müssen wachsen und Profit erzeugen". Die Hoffnung ist eine Selbstveränderung aus Überzeugung und eben nicht nur die Regulierung von Außen, die offenbar auch an vielen Stellen bereits schon ausgehebelt erscheint.

Meine Hoffnung ist die Erkenntnis. Der stetige Lernprozess. Vor 50 Jahren war Umweltschutz so gar kein Thema, bis zum ersten Bild der Erde von einer Raumfahrtmission. Das war die Erkenntnis. Unser Lebensraum ist relativ begrenzt und auch zerbrechlich. Auf diesen zugegeben langsamen Prozess setze ich. Leider lernt Mensch nur all zu oft aus einem großen Schmerz heraus. Vielleicht schaffen wir es irgendwann auch mal aus einer Schmerzsimulation heraus zu lernen. Letzteres ist natürlich für mich als Medienmacher besonders relevant. Wir packen den Schmerz in Bildern, wir lassen ihn durch VR und andere Technologien noch erfahrbarer machen – oft in Hoffnung auf Erkenntnis.

Abschließend noch eine Bemerkung. Das was ihr macht, nämlich all die Akteure ins Gespräch und denken bringen ist ebenfalls ein unfassbar wichtiger Teil des Erkenntnisprozesses. Denn wenn man nur im eigenen Saft schmort und sich mit Menschen mit gleichem Zweck umgibt, verliert man den Blick auf all das was drumherum geschieht und vor allem sieht man nicht mehr welche Konsequenzen das eigene Handeln auf die gesamte Welt hat.

11.03.2018 16:49:36

Lieber Patrick,
habe Dank an dieser Stelle für Deine Teilnahme am 2. Rhein-Ruhr Dialog vergangenen Donnerstag und Deine klasse Impulse. Ich bin schon auf das Filmmaterial gespannt und die entsprechende Nachbereitung. Zugleich würde mich interessieren wie Du die Diskussion und Deine Eindrücke mit etwas Abstand bewertest. Wie hast Du den Diskurs erlebt? Was hast Du mitgenommen? … und was wünscht Du Dir für die Zukunft?
Freue mich auf Deine Meinung.
Viele Grüße,
Clemens

18.03.2018 10:24:06

Lieber Clemens,

ich habe sehr viel mitgenommen. Es hat mir mal wieder gezeigt, wie wichtig solche Dialogveranstaltungen sind, zumal sie wirklich hervorragend moderiert und ausgestaltet sind. Klar gibt es immer Optimierungsbedarf (Stichwort Frauenanteil), aber das Eventformat ist auf einem extrem guten Level.

Ich habe diesmal sogar erlebt, dass offener und kontroverser miteinander gesprochen wurde. Die sonst so getrennten Lebenswelten (Filterbubbles) sind sichtbarer geworden und spürbar aneinander gedotzt, aber eben in einem geschützten Raum, wie ihr ihn bietet. Hier können echte Klischees und Vereinfachungen aufbrechen. Dafür chapeau!

Ansonsten zeigt sich für mich sehr deutlich wie narrativ getrieben Menschen sind. Was haben sie in ihrer eigenen Biografie erlebt, mit welchen anderen Biografien umgeben sie sich, welche Geschichten erzählen sie sich darüber weiter und welche beherrschen ihr jeweiliges Wertegerüst. Und alle eint irgendwie doch die Sehnsucht nach Einfachheit, Sicherheit und Erfolg. Nur wird das eben unterschiedlich definiert.

Also herzlichen Dank für dieses Format und dass ich ein Teil davon sein durfte.

Adressat/in der Frage

Patrick Breitenbach

Head of Consulting & Strategic Innovation
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