Verfasser/in der Frage

03.04.2013 20:03:08

Sehr geehrter Herr Jánszky,

erlauben Sie mir als Einstieg in unser Frage-Antwort-Spiel uns eine Arena zu schaffen, die sich genau dafuer eignet: eine Metaphorik die Ihnen bekannt vorkommen wird :-)

In seinem Dictionnaire des idées reçues schreibt der grosse franzoesische Erzaehler des 19. Jahrhunderts, Gustave Flaubert, das Schachspiel sei „zu ernsthaft fuer ein Spiel, zu seicht als Wissenschaft.“ Der russische Schachweltmeister und heutige außerparlamentarische Oppositionspolitiker Garri Kasparow hat dem vor knapp 10 Jahren sein Verstaendnis entgegengestellt, indem er betonte Schach sei „nicht nur ein Sport, sondern auch eine Kunst und eine Wissenschaft.“

Sie selber sind fuehrender Zukunftsforscher und beschaeftigen mit den wichtigsten gesellschaftlichen und organisationalen Trends unserer Zeit – und dennoch fuehren Sie Ihren „Schach-Vize-Jugend-Mannschafts-DDR-Meisterschaftstitel“ von 1988 in Ihren Profilen, weshalb ich Sie in dieser metaphorischen Arena besuchen moechte!

Schach – das erfaehrt jedes persische Kind als Teil seiner kulturanthropologischen Entwicklung – ist eine Koenigsdisziplin der Strategie und der szenariobasierten Prognostik. Methoden und Instrumente, die wir in den unterschiedlichen Ansaetzen der Zukunftsforschung wiederfinden?

In Zeiten der Komplexitaet, „die die menschliche Kapazitaet uebersteigt“ (Sven Gabor Janszky) und uns in ihren Logiken als non-trivial erkennbar sind, erscheint mir zunaechst eine Frage als zentral: ist Ihre Zukunftsforschung „zu ernsthaft fuer ein Spiel“ und „zu seicht als Wissenschaft“, oder tatsaechlich mehr als das, und dadurch sowohl „Kunst und […] Wissenschaft“? Und, spielen Sie heute eigentlich noch Schach, oder schon Go?

Herzlich aus der Hamburg, Ihr

Manouchehr Shamsrizi …

08.04.2013 17:02:34

Lieber Herr Shamsrizi,

vielen Dank für die schöne Frage. Ich spiele tatsächlich nach wie vor Schach lieber als Go. Es ist ein großartiges Gedankentraining, in dem die menschliche Vorstellungskraft perfekt ihre Grenzen austesten kann. Zugleich zeigt es sehr schön die Komplexität der heutigen und künftigen Welt. Denn weder Flaubert noch Kasparow haben heute auch nur den Hauch einer Chance, gegen einen der Hochleistungs-Schachcomputer zu gewinnen. Und auch normale Computer für 1000 Dollar werden spätestens im Jahr 2020 die Leistungsfähigkeit eines menschlichen Gehirns erreichen. Etwa im Jahr 2040, so prognostizieren wir Trendforscher, wird die Leistungsfähigkeit aller menschlichen Gehirne durch einen einzigen Computer emuliert sein.

Was tun wir mit einer solchen Prognose? Sie ist in der Tat zu ernst für ein Spiel. Mit Kunst hat sie wenig zu tun, denn sie ist nicht kreiert durch ein besonderes Talent oder außergewöhnliche Kreativität. Vielmehr entstehen die Aussagen von Zukunftsforschern durch qualitative Sozialforschung. Im Klartext: Wir identifizieren jene Unternehmen in der Welt, die durch ihre Ressourcen und ihre Stellung die Macht haben die Märkte zu prägen, so dass die anderen Unternehmen ihnen folgen. Dann identifizieren wir in diesen Unternehmen jene Menschen, die die Entscheidungen treffen, in welche Technologien heute die größten Gelder investiert werden. Mit diesen Menschen führen wir lange Interviews über die Gründe ihrer Entscheidungen und ihre Erwartungen für die kommenden 3, 5 und 10 Jahre. Denn Sie dies mit den marktprägenden Akteuren tun, dann sehen sie sehr genau, welche Trends getrieben und welche blockiert werden? Und warum? Denn wir dürfen hier nicht zu romantisch sein: Veränderungen in unseren Welt entstehen nicht, weil jemand sich das wünscht oder um die Welt besser zu machen. Sie kommen auch nicht aus Naturgesetzen. Stattdessen sind Trends ebenso wie unser gesamtes soziales Leben die Folge von Entscheidungen die von den ressourcenmächtigen Akteuren aufgrund individueller Interessen getroffen werden. Diese Interessen können Trendforscher analysieren und auf diese Weise verstehen, warum unsere Welt so ist wie sie ist und welche Dinge als nächstes in die Welt kommen.

Ob dies Wissenschaft ist, ist eine Frage der Definition. Es gibt Menschen die meinen, Wissenschaft habe exakt zu sein. Dies ist die sogenannte quantitative Forschung. Sie meint, Wissenschaft müsse messen und zählen. Natürlich kann man die Zukunft weder messen noch zählen. Diese Vorstellung von Wissenschaft ist der Grund dafür, dass wir täglich überschwemmt werden mit Marktforschungen. Doch jegliche Meinungsumfrage gibt nur einen sehr beschränkten Blick auf das heutige Empfinden der Befragten frei. Sie kann weder verstehen, warum die Menschen so empfinden. Noch kann sie prognostizieren, was die Menschen in Zukunft tun werden. Wenn sie es versucht, dann kommen die abenteuerlichsten Dinge heraus. Alles was diese Definition von Wissenschaft also tut ist, einen IST-Zustand zu beschreiben. Mir ist das zu wenig!

Ich habe ein anderes Verständnis von Wissenschaft. Ich glaube dass eine Wissenschaft die die Welt nur beschreiben, aber nicht verstehen und verändern will, zu wenig von sich selbst erwartet. Sie schöpft ihr Potenzial nicht aus. Deshalb arbeiten wir Zukunftsforscher nicht mit quantitativen Methoden sondern mit den Methoden der qualitativen Sozialforschung. Uns ist dabei sehr bewusst, dass jede unserer Prognosen nur solange Bestand hat, wie die zugrundeliegenden Interessen und Treiber der ressourcenmächtigen Akteure konstant bleiben. Sobald sich dort etwas verändert, verändert sich auch unsere Zukunft. Dies ist der Grund warum keiner der ernst zu nehmenden Trendforscher behauptet, er könne die Zukunft voraussagen. Wir wissen, dass es viele mögliche Zukünfte gibt, die eine mehr die andere weniger wahrscheinlich. Entscheiden Sie bitte selbst, welche Art von Wissenschaft, Sie für seicht halten.

Das Ziel welches wir Zukunftsforscher mit unserer Arbeit erreichen ist, den Entscheidern in Wirtschaft und Politik aufzuzeigen, wie sich ihr Umfeld in den kommenden Jahren verändern wird, auch wenn sie nichts tun. Wir möchten sie dazu bringen, ihre Zukunft selbst in die Hand zu nehmen und aktiv zu gestalten. Den seien wir ehrlich: In jeder Zeit des Wandels gibt es Gewinner und Verlierer. Sie unterscheiden sich in den meisten Fällen durch eine Eigenschaft: Gewinner nehmen ihre Zukunft selbst aktiv in die Hand, Verlierer warten passiv ab. Wenn unsere Kunden beginnen, aktiv über ihre eigene Zukunft nachzudenken statt Umfragen nachzuplappern, dann haben wir schon viel erreicht.

Genau das ist der Grund, warum mein Trendforschungsinstitut seit inzwischen 12 Jahren den „2b AHEAD Zukunftskongress“ ausrichtet. Hier kommen 250 CEOs und Innovations-Chefs aller Branchen zusammen und entwickeln unter unserer Leitung die Geschäftsmodelle für die kommenden 10 Jahre.
Hintergründe finden Sie bei Interesse unter: http://www.2bahead.com/zukunftskongress

Herzliche Grüße

Sven Gabor Janszky
Direktor des 2b AHEAD ThinkTanks

07.05.2013 08:26:47

Lieber Herr Janszky,

haben Sie vielen Dank fuer Ihre ausfuehrliche Antwort, ueber die ich mich gefreut habe :-)

Eine Dimension scheint mir darin jedoch noch konsequenter beachtet werden zu koennen: Sie schreiben es sei das Ziel der Zukunftsforscher, mit ihrer Arbeit „den Entscheidern in Wirtschaft und Politik aufzuzeigen, wie sich ihr Umfeld in den kommenden Jahren verändern wird, auch wenn sie nichts tun“, denn „in jeder Zeit des Wandels gibt es Gewinner und Verlierer“.

Mich interessiert vor diesem Hintergrund eine Frage der (politischen?) Verantwortung von Zukunftsforschung: wie legitimiert eine Wissenschaft – sei sie quantitativ oder qualitativ begruendet – ihren so massiven Einfluss auf „Entscheidungen die von den ressourcenmächtigen Akteuren aufgrund individueller Interessen getroffen werden“, denn wenn ich Sie richtig verstehe bilden Ihre Szenarien ja auch die Grundlage fuer die Adaption an solche Trends durch die Politik.

Wenn „ressourcenmächtigen Akteure“ aufgrund „individueller Interessen“ die Zukunft gestalten – sind Sie dann nur der Bote, der eine Translation gegenueber unseren Parlamenten leistet, oder gestalten (und verantworten?) Sie durch Ihre Beurteilungen schon Zukunft mit?

Ist das dann noch demokratisch, Herr Janszky? Oder wird eine Demokratie erst dadurch in die Lage versetzt sich zukunftsfaehig zu verhalten?

Vielleicht kommen wir ja auf oder nach Ihrem Kongress zu einer Partie Schach, beziehungsweise „Tschatrang“, wie es im persischen Original heisst ;-)

Herzlich aus der Hauptstadt, Ihr

Manouchehr Shamsrizi …

Adressat/in der Frage

Sven Gábor Jánszky

2b AHEAD ThinkTank GmbH
CEOGeschäftsführer
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