Verfasser/in der Frage

01.03.2018 09:15:57

Betrügereien weltweit tätiger Großunternehmen beschäftigen die Öffentlichkeit, der Widerspruch zwischen „offizieller Unternehmenswirklichkeit“ und „praktizierter Unternehmenswirklichkeit“ wird zunehmend offengelegt. Bürgerinnen und Bürger verstehen die Welt nicht mehr – wo überall geht es noch so zu, ohne dass es je ans Tageslicht kommt? Was bedeutet das für die Zivilgesellschaft, was machen diese Entwicklungen mit Dir und welche Hoffnungen hast Du schon aufgegeben?

07.03.2018 11:15:40

"Wir können unsere Basis nicht abstimmen lassen, denn sie hat ja gar nicht die ganzen Informationen, die wir haben", sagte Julia Klöckner nach den Groko-Verhandlungen. Insiderwissen ist eine riesige Gefahr für unsere Gesellschaft. Es schließt aus, spaltet, sorgt für Spekulationen. Insider unterwandern unsere Demokratie, indem sie Entscheidungsprozesse in ihrem Sinn beeinflussen zu Lasten der Gesamtgesellschaft. Die Finanzkrise, die eigentlich eine Banken-Spekulationsblase ist, ist ein trauriges Beispiel für den Handel mit Wissen. Opfer dieses Wissenskrieg waren demokratisch gewählte Vertreter, die europäischen Steuerzahler, große Teile der südeuropäischen Gesellschaften. Und das Vertrauen in ehemals gesamtgesellschaftlich angesehene Institutionen hat nachhaltig gelitten. Der Handel mit Wissen hat den Aufstieg des Rechtspopulismus befeuert und dem Ansehen von Medien, Politik und Wirtschaftswelt geschadet.

Und sie hören nicht auf. Das Automobilkonglomerat widersetzt sich sogar gerichtlichen Urteilen. In Stuttgart hat das Gericht bereits 2014 entschieden, dass ab 2018 Dieselfahrverbote in Kraft treten müssen, wenn die Feinstaubwerte nicht anderweitig gesenkt werden können. Die Feinstaubwerte sind auf einem Rekordhoch, Fahrverbote gibt es trotzdem nicht. Stattdessen gründeten BMW, VW und Mercedes den EUGTH. Einen Verein, der unterstützt von deutschen Universitäten, Lobbyarbeit für Dieselfahrzeuge betrieben hat. Und die Verstrickung ist noch wahnsinniger: Der Vorsitzende des wissenschaftlichen Beirats vom EUGTH, ein Bundesverdienstkreuzträger, hat die Kanzlerin nicht nur persönlich zum Umgang mit Dieselautos beraten, sondern auch während der Glyphosat-Zulassungsdebatte auf die Politik eingewirkt.

All diese Verstrickungen vernichten ein gesellschaftliches Gemeinschaftsgefühl, aber ich sehe sie als riesige Chance. Denn die Gesellschaft ist aufgeschreckt von Steuerdeals, Affentests und Geheimabsprachen. All dieses Empörungspotenzial kann in nachhaltiges Wachstum verwandelt werden. Politik, Medien und Wirtschaftswelt müssen einfach nur demokratiesiert werden, und zwar real demokratiesiert, nicht nur pseudomäßig. Denn selbst die Abgabe einer Stimme spiegelt keine wirkliche Demokratie wider. Demokratie bedeutet aktive Teilhabe, Einflussnahme, Mitbestimmung. Die Einbindung von Mitarbeitern bei der Erstellung von Unternehmenszielen, die aktive Mitbestimmung von Gesetzesvorhaben durch die Zivilgesellschaft und zwar nicht durch Volksentscheide, sondern durch Diskussionseinbindung, werden unsere Gesellschaft zur fortschrittlichsten Gemeinschaft auf dem Planeten machen. Sie werden unsere Wirtschaftsleistung potenzieren, den Populismus vernichten, das Zufriedenheitslevel steigern und die Umwelt schützen.

Mehr Demokratie bedeutet weniger Spaltung. Das habe ich am eigenen Leib erfahren und daraus schöpfe ich Hoffnung. Aus dem Nichts gründete ich Deutschlands erste demokratische Speakers Corner. Am Anfang war ich allein, heute sind wir fast hundert Ehrenamtler. Einmal im Monat diskutieren wir über politische, gesellschaftliche oder persönliche Problemstellungen. All die Menschen, die mir in den vergangenen zwei Jahren begegnet sind, machen mir Hoffnung. Die wenigsten geben sich mit einfachen Parollen zufrieden. Sie setzen sich mit Themenfeldern auseinander, differenzieren, hinterfragen. Sie sind pure Hoffnung, weil die allermeisten Jungdemokraten zu einem echten, offenen Austausch auf Augenhöhe bereit sind. Sie hören einander zu, wägen ab und sind dazu bereit, ihre eigene Meinung zu überdenken. Dieser differenzierte Enthusiasmus macht mir Hoffnung, denn wir können unsere Gesellschaft nur durch fortwärtsgewandte Auseinandersetzung progressiv mitgestalten.

Demokratie ist, was wir daraus machen. Aber auch, was uns die staatlichen Institutionen und privaten Betriebe ermöglichen. Wir müssen aufeinander zu gehen, sonst gibt es bald keinen Planeten mehr, den wir ausbeuten können.

Adressat/in der Frage

Fabian Guzzo

Gründer & Organisator
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