Verfasser/in der Frage

19.06.2014 16:22:30

Sehr geehrter Herr Zwanziger,

zunächst einmal möchte ich Ihnen herzlich für Ihre Bereitschaft danken, sich – als ehemaliger Präsident des DFB und amtierendes Mitglied des FIFA-Exekutivkomitees – bei managerfragen.org dem öffentlichen Dialog zu stellen.

Ich bin ein leidenschaftlicher Fußballfan. In meiner Jugend war ich lange Zeit im Verein aktiv und kicke auch heute neben dem Studium regelmäßig mit meinen Freunden. Wer einmal von der Schönheit dieses Spiels ergriffen wurde, den lässt sie nie wieder los. So war es jedenfalls bei mir. Das Schönste ist für mich, dass er verschiedene Teile der Gesellschaft – arm, reich, fremd, heimisch, hell, dunkel – zusammenbringt – ob als Fan im Stadion oder als Amateur im Verein.Zumindest in Deutschland ist das in der gesamten Sportlandschaft einmalig.
Das Interview mit Ihnen würde ich gerne in 3 Frage-Antwort-Blöcken mit jeweils unterschiedlichen thematischen Schwerpunkten führen. Aus aktuellem Anlass starte ich in Südamerika:
In diesen Tagen findet die WM in Brasilien, dem gefühlten Mutterland des Fußballs, statt. Ein Turnier – oder besser Event -, auf das ich mich als Fußballfan eigentlich uneingeschränkt freuen müsste. Bei dieser WM ist es bei mir und vielen meiner Freunde jedoch anders. Nicht, dass ich mich über den 4:0 Sieg über Portugal nicht gefreut hätte. Aber: Uneingeschränkte Freude? Fehlanzeige!

Das hat viele unterschiedliche Gründe. Der wichtigste sind die berechtigten Proteste von breiten Teilen der brasilianischen Bevölkerung. Auch wenn die Proteste (noch) nicht das Ausmaß, wie beim vergangenen Confed-Cup erreicht haben, ist die enorme Unzufriedenheit der Bevölkerung – trotz der mangelnden kritischen Berichterstattung durch das deutsche Fernsehen – nicht zu übersehen. 11 Milliarden Euro soll dieses Prestigeprojekt nun kosten, während das Geld für essentielle Strukturreformen in den Ressorts Bildung, Gesundheit und ländliche Infrastruktur fehlt.

Meine Frage an Sie, als Mitglied des FIFA-Exekutivkomitees: Warum tritt die FIFA ihre gesellschaftliche Verantwortung gegenüber der Gastgeber-Bevölkerung dermaßen mit Füßen? Warum wird die Bevölkerung eines Landes nicht direkt und transparent an der WM-Vergabe beteiligt? Und wie kann es sein, dass ein vierwöchiges Turnier 11 Milliarden Euro kostet (Das entspricht in etwa dem jährlichen Deutschen Bundeshaushalt für Bildung und Forschung)? Finden Sie es persönlich richtig, dass das Credo stets lautet: Größer, Teurer, Gigantischer? Die Fifa könnte diesem Credo mit entsprechenden Regularien entgegenwirken.

Auf der anderen Seite würde mich aber auch interessieren, wie eine solche Entscheidung im FIFA-Exekutivkomitee konkret diskutiert wird/abläuft. Wie können Sie sich – außerhalb der Abstimmung – bei der Entscheidungsfindung einbringen? Welches Gefühl haben Sie in Anbetracht der Proteste?

Ist das noch Fair-Play?

Dazu ein interessantes Stadtgespräch aus Rio: http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/41856=

Ich freue mich schon auf Ihre Antwort und bin sehr gespannt.

Mit freundlichen Grüßen

Ihr Rajib Mondal

23.06.2014 13:00:21

Sehr geehrter Herr Mondal,

das sind natürlich interessante und wichtige Fragen, die Sie ansprechen. Sie versprechen auf Dauer mehr Tiefe und Erkenntnisgewinn, als jetzt stundenlang darüber zu diskutieren, auf welcher Position Philip Lahm spielen sollte. Aber so ist Fußball und deshalb bewegt er die Massen. Zum Thema mit einem kleinen Rückblick, der notwendig ist, um einiges besser einordnen zu können.

Das große "Land des Fußballs" Brasilien, war vielfach Weltmeister aber vor 2014 nur einmal, und zwar 1950 WM Ausrichter. Nachdem die WM 1994 (USA), 2002 (Japan/Südkorea) und 2010(Südafrika) sich weltweit aufstellte, herrschte 2007 bei der FIFA klar die Meinung vor, jetzt sei Südamerika wieder an der Reihe. Dort einigte man sich auf Brasilien, es war die einzige Bewerbung. Kein Streit wie bei fast allen anderen WM Vergaben, keine teuren Bewerbungsbudgets, ein Selbstläufer also, was sollte in Brasilien schon passieren ?

Nach der Vergabeentscheidung Ende 2007 richtete die FIFA ihr Augenmerk zunächst auf die WM in Südafrika, die 2010 stattfand. Danach gab es große Turbulenzen um die WM Vergaben nach Quatar und Rußland. In Brasilien, das ist meine Überzeugung, ließ man das örtliche Organisationskomitee und den Staat zu lange gewähren.

Die fehlende frühzeitige und intensive Abstimmung, die auch eine soziale und gesellschaftliche Kommunikation hätte einschließen müssen, sind für mich der Hauptgrund für die Proteste. Solange sie gewaltlos bleiben, finde ich das gut. Denn Demonstrationen gehören zu einer freiheitlichen Gesellschaft und machen auf Mißstände aufmerksam, denen sich der Staat und FIFA stellen müssen.

Sie stören sich an den enormen Kosten, das kann ich gut verstehen. Das habe ich auch bei den Diskussionen bei der WM in Deutschland erlebt. Jedes Land, das sich um eine WM bewirbt muß abwägen, ob der Nutzen die Kosten übersteigt, oder ob man ein Prestigeprojekt ansteuert. Die FIFA baut nicht die Stadien oder schafft eine neue Verkehrsinfrastruktur, diese Aufwendungen muß das ausrichtende Land stemmen. Nach meinen Informationen stammen allerdings die Mittel für den Stadionbau nicht direkt aus dem Bundeshaushalt, sind also nicht zu Lasten anderer öffentlicher Aufgaben gegangen. Die WM wird zweifelsfrei, wie in Deutschland auch, zusätzliche Einnahmen für den Staat generieren, man wird eine ehrliche Bilanz aber erst später ziehen können.

Sie wünschen sich, daß künftig die Bevölkerung eines Landes direkt an der Vergabe einer WM beteiligt wird. Gut so, ich habe nichts dagegen, wir haben es ja gerade bei den Winterspielen in München erlebt. Das ist aber nicht Sache der FIFA sondern des Bewerberlandes. Ganz ehrlich, ich habe etwas dagegen, wenn sich zunächst mit großer Begeisterung beworben wird, dann große Siegesfeiern nach der Vergabe stattfinden und später die FIFA für alles verantwortlich gemacht wird, was schief läuft. Ich denke, eine wichtige Erfahrung dieser WM ist, daß FIFA und alle möglichen Bewerber im Vorfeld der Vergabe viel sensibler und intensiver miteinander umgehen. Die FIFA darf dabei nicht nur ihre Kernbereiche sehn, sondern muß auch die politische und besonders soziale Lage des Bewerberlandes in ihre Betrachtung aufnehmen.

Das Credo, Größer, Teurer, Gigantischer, wie Sie es nennen, darf so nicht weitergeführt werden.

Die Standards müssen überprüft werden, ich habe vor Jahren schon gefordert, nicht alles, was vermarktungsfähig ist, muß auch vermarktet werden. Wir haben nach meiner Ansicht längst eine Grenze überschritten. WM ist nur alle 4 Jahre, großes Spektakel und Unterhaltung, die Seele des Spiels, 80000 Jugend- und Amateurspiele Männer und Frauen finden jede Woche (!) in Deutschland statt. Darauf muß unser Blick ständig gerichtet sein.

Eingangs habe ich schon darauf hingewiesen, daß die WM Vergabe nach Brasilien als Selbstläufer wahrgenommen wurde, auch von mir. Ich bin erst 2011 ins Exekutivkommittee gekommen, da läuft der Prozeß schon, da hat man als Einzelner wenig Einfluß, zumal für mich die FIFA Reformen im Mittelpunkt meiner Arbeit standen. Mir ist erst letztes Jahr während des Confed Cups richtig klar geworden, da läuft etwas anders als erwartet.

Mein Fazit ist : Wenn man die Demonstrationen wirklich ernst nimmt, sich in die Gefühlslage der Menschen versetzt, die nichts anderes als soziale Gerechtigkeit wollen, dann wird mein Gefühl wieder besser. Das bedeutet aber, daß die großen Sportorganisationen in aller Welt einfach politischer werden müssen. Sie dürfen nicht wegschauen,wenn Unrecht geschieht, sondern müssen mit der großen völkerverbindenden Kraft des Sports nicht nur Spektakel veranstalten, sondern auch für Freiheit und Menschenrechte eintreten. Ich bin mit dieser Ansicht nicht unbedingt in der Mehrheitsfraktion der Sportführer, aber nicht ohne Hoffnung, wenn der Sport möglichst ständig mit Fragen, wie Sie sie stellen, gefordert wird.

01.07.2014 22:58:24

Vielen Dank für ihre schnelle und ausführliche Antwort. Bevor ich den zweiten Themen-Block starte, möchte ich auf zwei Punkte eingehen, die Sie genannt haben.

1.) Für mich ist es als Laie nur schwierig nachvollziehbar, dass die WM in Brasilien aufgrund der WM2010 in Südafrika und der WM-Vergabe an Russland/Qatar (02.Dezember.2010) von der FIFA „vernachlässigt“ wurde, wie Sie es zu Beginn andeuten – insbesondere wenn man bedenkt, dass dazwischen 3.5 Jahre liegen. Von einer Institution mit Weltformat und zahlreichen Beratern aus der Wirtschaft erwartet man hier eine größere Professionalität.

Ihre Forderung nach einem intensiveren Dialog und nach der Prüfung der Standards begrüße ich sehr. Haben Sie hier konkrete Ideen, welche Bereiche unter alle Umständen auf den Prüfstand kommen müssen? In welchen Bereichen sehen sie fundamentale Grenzen überschritten?

2.) Sie haben Recht. Die FIFA baut keine Stadien und keine Infrastruktur. Dafür ist zurecht das Gastgeberland verantwortlich. Und doch ist es leider so, dass die FIFA Mindestgrößen für Stadien fordert. In Südafrika steht beispielsweise eine von der FIFA geforderte 45.000 Zuschauer fassende Arena in der Stadt eines Drittliga-Vereins. Das Stadion steht die meiste Zeit leer und schreibt entsprechend rote Zahlen. In Brasilien droht dem Stadion von Manaus im Bundesstaat Amazonas ein ähnliches Schicksal. Bei solchen Regularien und Forderungen fehlen mir Verhältnismäßigkeit, Rationalität und Weitblick.

Im zweiten Themen-Block möchte ich mich gerne ein wenig aus Südamerika entfernen und mit Ihnen über den aktuellen Zustand der FIFA als Ganzes sprechen. Ein Thema, das Sie erfreulicherweise bereits in Ihrer ersten Antwort an mehreren Stellen angeschnitten haben.

Auf ihre Forderung hin, die FIFA müsse politischer werden, entgegnete mir ein guter Freund, die FIFA müsse nicht politischer, sondern erst einmal demokratischer werden. In diesem Satz kristallisiert sich eine zentrale Aussage: Der Großteil der Fußballfans hat aufgrund zu vieler Ungereimtheiten den Glauben an die Integrität der FIFA verloren. Sehen Sie ein demokratisches Defizit bei der FIFA? Was muss unternommen werden, um die Authentizität wiederherzustellen? Und welche Rolle kann bzw. muss der DFB als größter und mächtigster Verband der Welt für die zukünftige Gestaltung des Weltfußballs übernehmen?

Insbesondere die von Ihnen angesprochenen „Turbulenzen“ rund um die Vergabe der WM nach Qatar haben mit zum beschriebenen fehlenden Glaubwürdigkeit beigetragen. Für einen Fußballfan ist die Vergabe-Entscheidung des Exekutivkomitees in Anbetracht von klimatischen Bedingungen, politischen Verhältnissen und fehlender Fußball-Kultur schlichtweg nicht nachvollziehbar. Das sind grundlegend schlechte Voraussetzungen, die selbst die beste Bewerbung nicht schönigen kann. Es muss andere Beweggründe gegeben haben. Der Druck auf die Verantwortlichen wird mit jedem Tag größer, an dem neue Hinweise auf Korruption entdeckt werden.
Deshalb meine Frage an Sie: Ab wann muss über eine Neuvergabe der WM zwangsläufig nachgedacht werden? Ist dieser Punkt bereits erreicht? Falls es zu einer Neuvergabe kommen sollte: Welche personellen und strukturellen Konsequenzen wird man ziehen müssen?

Ihr direkter Vorgänger im Exekutivkomitee Franz Beckenbauer wurde jüngst mit einer 90-Tägigen Sperre belegt, nachdem er Aussagen zur WM-Vergabe an Russland und Qatar verweigert hatte. Mittlerweile ist die Strafe, nachdem die Aussagen nachgereicht wurden, wieder aufgehoben worden. Waren Sie über den Vorfall und die nachfolgende FIFA-Entscheidung überrascht?

Ich freue mich schon sehr von Ihnen zu hören! :-)

03.07.2014 17:39:22

Gerne komme ich noch einmal auf den ersten Themenblock zurück.

Entscheidend für eine erfolgreiche WM Vorbereitung ist die frühzeitige Abstimmung zwischen FIFA, dem örtlichen Organisationskomitee und der Regierung des Ausrichterlandes. Dies kann man zb an dem wichtigsten Punkt, der Stadienauswahl, besonders gut aufzeigen.

Die FIFA drängt immer auf möglichst wenig Stadien, die Zahl 8 ist aus dieser Sicht optimal, weil so die Organisation erleichtert und effizienter wird.

Vor Ort wollen hingegen viele Städte WM Standort werden, auf Kosten oder eine nachhaltige Nutzung wird zu diesem frühen Zeitpunkt kaum geachtet. Ich erinnere an das Beispiel Kaiserslautern bei der WM 2006, das noch heute für Diskussionen in Rheinland Pfalz sorgt.

Wenn die FIFA also zu spät beginnt, mit Ihren Vorstellungen Einfluß zu nehmen, dann haben sich die Abläufe vor Ort verselbständigt und sind kaum noch zu korrigieren. So war die Entwicklung nicht nur im Stadienbereich in Brasilien. 4 Jahre Vorbereitung sind zu kurz, so wird aktuell die für 2018 nach Russland vergebene WM schon seit mehr als 2 Jahren intensiv vorbereitet.

Was die Standards betrifft, so muß einfach mal alles auf den Prüfstand gestellt werden. Fußball ist ein einfaches Spiel, brauchen wir also immer perfektere Fernsehübertragungen oder Stadienausstattungen ? Brauchen wir diese hohe Exklusivität bei den Vermarktungsrechten ?

Darüber offen und transparent zu diskutieren, fordert uns dann aber alle. Denn wir Konsumenten sind nicht ganz unschuldig daran, mit unseren Erwartungshaltungen die Tendenz der Verantwortlichen hin zu immer mehr Gigantismus und Perfektion mit befördert zu haben. Ich würde mich natürlich sehr darüber freuen, wenn zumindest ein Prozeß des Umdenkens eingeleitet werden könnte.

Die Forderung der FIFA, daß die Stadien ein Fassungsvermögen für mindestens 45000 Zuschauer haben müssen, ist absolut richtig. Es geht doch um eine WM und nicht um einen Kreisligapokal. Sehen Sie doch einmal die vielen Fans, die keine Karten bekommen. Die WM ist millionenfach überbucht. Sie brauchen ein Mindestkontigent für die Fans der teilnehmenden Mannschaften, nein, nicht die Größe der Stadien ist das Problem für eine nachhaltige Nutzung sondern die Anzahl der Stadien. Mehr als 8 schafft Schwierigkeiten.

Nun zum 2. Themenblock

1. Mit politischer werden verbinde ich, eigene Werte vertreten. Also sich nicht nur fokussieren, auf die Organisation und Vermarktung des Spielbetriebs, sondern ständig und glaubwürdig eintreten für Menschenrechte und Integration sowie entschieden kämpfen gegen Rassismus und jedwede Art von Diskriminierung. So wie es in den Satzungen der FIFA für alle Verbände gefordert wird.

Eine solche politische Forderung überschneidet sich natürlich mit dem Ruf nach mehr Demokratie in der FIFA, weil zb die Beachtung von Menschenrechten Grundmerkmal jeder demokratischen Ordnung ist.

An zwei Beispielen kann man, glaube ich, ganz gut aufzeigen, wie Demokratische Strukturen in Sportverbänden verbessert werden können, man aber auch auf Grenzen stößt.

Da ist das Prinzip der Gewaltenteilung, ein wesentliches Merkmal des Rechtsstaats. Die FIFA hat im Zuge ihrer Reformbemühungen eine unabhängige Justiz eingeführt, ein wesentlicher demokratischer Fortschritt, ein Gewinn an Rechtskultur !

Schwieriger ist es mit einem anderen demokratischen Prinzip, dem Machtwechsel. Der Sport kennt keine Parteien und damit keine Opposition. Ich wollte mit meinen Reformbemühungen durch die Begrenzung von Amtszeiten einen ähnlich wirkenden Mechanismus einführen. Dafür braucht man eine demokratische Mehrheit. Sie war beim letzten Kongreß nicht in Sicht.

Ich würde mir sehr wünschen, wenn UEFA und DFB Ihre drängende Reformrolle wieder aufnehmen würden, die sie am Beginn des Prozesses 2011 zweifelsfrei hatten, die aber dann auf dem Weg, aus welchen Gründen auch immer, verlorengegangen ist.

2. Das Glaubwürdigkeitsdefizit der FIFA, ich sehe das wie Sie, besteht in der Tat in besonderer Weise seit der Katar Entscheidung im Dezember 2010. Ich teile Ihre Argumente, es ist in keiner Weise nachvollziehbar, wie sich diese Mehrheit bilden konnte. Leider waren auch europäische Mitglieder des FIFA Exekutivkomitees daran beteiligt. Im Kern ist also die gegenwärtige Krise eine Vertrauenskrise, weil, wie es Gesine Schwan im Forum so treffend formuliert hat, " fehlende Transparenz über Gemeinwohlorientierung, Verläßlichkeit und Verbindlichkeit der Handelnden Akteure zu fast universalem Mißtrauen geführt hat. " Vertrauen kann also erst wieder hergestellt werden, wenn Transparenz Einzug hält.

Wie geht es weiter ? Zunächst muß die unabhängige Untersuchung der neuen FIFA "Staatsanwaltschaft" abgewartet werden, die ihren Bericht in Kürze der wiederum unabhängigen rechtsprechenden Kammer zuleiten wird. Ich rechne mit einer Entscheidung im Herbst diesen Jahres. Sollte nachgewiesen werden können, daß die Vergabeentscheidung unter Verstößen gegen das Ethikreglement der FIFA zustandegekommen ist, dann könnte es zu einer neuen Entscheidung beim FIFA Kongreß im Mai 2015 kommen. Weiter sollte man heute nicht spekulieren, zuviel hängt von Ergebnis und Überzeugungskraft der Untersuchung ab.

3. Was Franz Beckenbauer betrifft, so war ich schon überrascht, als ich von dieser Sperre hörte.

Sie zeigt aber, daß die neue unabhängige Untersuchungsbehörde auch vor großen Namen nicht halt macht. Und Franz weiß inzwischen, daß er einen Fehler gemacht und gegen Artikel 42 des Ethikreglement verstoßen hat. Danach können bei fehlender Kooperation Disziplinarmaßnahmen verhängt werden. Ohne Kooperation, keine Aufklärung. Deshalb war das Vorgehen der Ethikkommission konsequent und Franz am Anfang schlecht beraten.

Ohne die Aktenlage näher zu kennen, kann ich nicht beurteilen, ob die Sperre schneller hätte wieder aufgehoben werden können. Denn Franz hat sich dann ja alsbald kooperationswillig gezeigt. Ich schätze Franz Beckenbauer sehr und deshalb tut es mir schon etwas leid, daß ausgerechnet er in dieses neue System der unabhängigen FIFA Justiz geraten ist. Da hilft dann auch Sepp Blatter nicht mehr. Ich hoffe im Interesse der Glaubwürdigkeit des Fußballs sehr darauf, daß sich diese Unabhängigkeit nicht nur an Franz Beckenbauer zeigt, sondern zur Aufklärung der WM Vergaben nach Katar und Russland entscheidend beiträgt.

08.08.2014 19:16:05

Sehr geehrter Herr Zwanziger,

bitte entschuldigen Sie, die Verzögerung zum dritten Interview-Teil. Seit unserem letzten Frage-Antwort-Wechsel ist Einiges passiert. Deutschland ist im Maracana Fußball-Weltmeister geworden und während Philipp Lahm aus der Nationalelf zurückgetreten ist bleibt Jogi Löw Bundestrainer. Was für ein Finale und was für Wochen! Ein Genuss für jeden Fußball-Fan. Wie und wo haben Sie eigentlich das WM-Finale erlebt?

Bei dieser euphorischen Stimmung, die auch mich gepackt hatte, fällt es nicht leicht, wieder kritische Fragen zu stellen. Aber dennoch: Auch mit einer errungenen Weltmeisterschaft bleiben die zentralen Probleme natürlich bestehen.

Ich habe mich sehr darüber gefreut, dass Sie in ihrer letzten Antwort so offen über ihr Demokratieverständnis gesprochen haben. Ich begrüße viele Ihrer Aussagen bezüglich Gewaltenteilung und Einführung einer Art Opposition innerhalb der Fifa-Organisationsstruktur.

Eine Entwicklung des Fußballs, die bei dieser WM wieder zum Tragen kam, ist die stetig voranschreitende Kommerzialisierung. Der Profifußball bewegt sich längst im Spannungsfeld zwischen Sport und Profit. Sie selbst sagen, nicht alles was vermarktbar ist, muss auch vermarktet werden. Es ist eine Entwicklung zu beobachten hin zu einer perfekten globalen Marketing- und Verkaufsmaschinerie, die auf möglichst hohe Gewinne abzielt, von denen natürlich möglichst viele Unternehmen profitieren wollen.

Aber: Wo Gewinner sind, sind auch Verlierer. Wer sind Ihrer Meinung nach die Verlierer dieser Entwicklung? Sehen Sie langfristig die Gefahr, dass im Fußball die Preise dermaßen steigen, dass er zum Elitensport verkommt – so wie es teilweise in Brasilien bereits der Fall ist?

Zuletzt möchte ich auf den DFB zu sprechen kommen. Sie sagten, der DFB und die UEFA müssten ihre drängende Reformrolle im Gestaltungsprozess des Weltfußballs wieder aufnehmen. Auch ihr Interview mit der FAZ und ihre Äußerungen während der Fußball-WM haben hohe Wellen geschlagen. Im FAZ-Interview nehmen Sie Bezug auf einen Vorfall am Millerntor, bei dem der DFB ein anti-faschistisches Banner abdecken lies. Es stellt sich die Frage, wie ernst es dem DFB mit seinen zahlreichen Integrations- und Nachhaltigkeitskampagnen wirklich ist. Man fragt sich, ob mehr Schein oder Sein hinter dem Engagement steckt. Ein Handeln nach demokratischen Grundsätzen und moralischen Prinzipien, wie Sie es fordern, beginnt jedenfalls in genau solchen Situationen.

Wie hätten Sie in der angesprochenen Situation reagiert und was kann man daraus für die Zukunft lernen? Sehen sie ihren direkten Nachfolger Herrn Niersbach weiterhin so kritisch, wie sie es mehrfach zum Ausdruck gebracht haben?

Abschließend eine Wette auf die Zukunft:
Wie wird sich der Fußball in Zukunft entwickeln? Welche Entwicklung wünschen Sie sich bzw. wie sieht ihre Vision vom Fußball der Zukunft aus – sportlich, organisatorisch und wirtschaftlich?

Ich freue mich von Ihnen zu hören.
Mit freundlichen Grüßen

Rajib Mondal

14.08.2014 15:13:41

Ich habe die WM zu Hause vor dem Bildschirm erlebt oder bei kleineren Public Viewing Veranstaltungen in meiner Heimatregion. Seit 2002 also über 10 Jahre, habe ich diese Großveranstaltungen intensiv erlebt. Irgendwann muß Schluß sein, denn das Ganze kostet auch viel Kraft.

1. Wie wird es weitergehen mit dem Fußball im Spannungsfeld von Kommerz, Solidarität und Gemeinnützigkeit?
Die Strukturen sind geschaffen, es wird an den Menschen in den Führungsfunktionen liegen, wie sich die Gewichte verschieben, rückwärts oder vorwärts. Dabei wird die Gesellschaft eine fordernde Rolle spielen müssen, sonst, befürchte ich, wird der Kommerz noch mehr als heute dominieren. Ich werbe seit langem dafür, Nachhaltigkeit in der Mitte der Gesellschaft zu verankern. Der Fußball kann insoweit eine große Rolle spielen.
Gerade ist im Springer Gabler Verlag ein Buch von Frau Dr Hildebrandt "CSR und Sportmanagement" erschienen, zu dem ich auch einen kleinen Beitrag geleistet habe.
Viele namhafte Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Sport geben hier Anregungen, wie sich die Dinge entwickeln könnten. Ich bin kein Prophet, warten wir es ab. Ich hoffe sehr, daß die Kleinen, die Minderheiten, auch einmal Gewinner sind.

2. Was den DFB betrifft, so müssen die Führungspersonen den Weg gehen, den Sie für richtig halten. Ich werde mir allerdings nicht verbieten lassen, hin und wieder meine Meinung zu sagen, besonders dann, wenn gesellschaftspolitische Fragen auf der Agenda stehen und glaubwürdiges Handeln gefragt ist.
Wer mein Buch "Die Zwanziger Jahre" gelesen hat, wird unschwer feststellen, daß ich Niersbach sehr positiv sehe. Unser Verhältnis hat gelitten, weil ich seine Vorstellungen über die Vergütung eines ehrenamtlichen Präsidenten nicht mitgetragen habe. Ansonsten bin ich ein freier Mann, ich lobe und kritisiere, so wie ich die Dinge einordne. Warum sollte ich Niersbach da ausnehmen? Mein Vorgänger, Gerhard Mayer-Vorfelder, ist mit mir auch durchaus kritisch umgegangen.

3. Ich wette ungern und schon gar nicht auf Zukunftsentwicklungen.
Ich denke, ich habe meine Vorstellungen über einen werthaltigen Sport an verschiedenen Stellen unseres Dialogs vorgetragen. Wir werden sehen und die weitere Entwicklung beobachten.

Liebe Grüsse und weiterhin viel Erfolg. Kompetente und kritische Bürger braucht unser Land.
Ihr Theo Zwanziger

14.08.2014 16:36:54

Sehr geehrter Herr Zwanziger,

vielen herzlichen Dank für das Interview mit Ihnen und dafür, dass Sie sich viel Zeit genommen haben, die Fragen ausführlich zu beantworten und ihre Sicht der Dinge zu erläutern. Das Interview hat mir deshalb umso mehr Freude bereitet.

Was die Zukunft des Fußballs angeht, bin ich genauso gespannt, wie Sie. Ich bin überzeugt, dass sich in den nächsten Jahren noch einiges bewegen wird – ich hoffe in eine demütigere und bisweilen auch reflektiertere Richtung, damit der Sport wieder weiter in den Mittelpunkt rückt, bleibe aber skeptisch. Let’s hope for the best.

Mit freundlichen Grüßen
Ihr Rajib Mondal

Adressat/in der Frage

Theo Zwanziger

Deutscher Fussball-Bund
Ehemaliger DFB-Präsident und Mitglied im FIFA-Exekutivkommitee
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