Verfasser/in der Frage

02.02.2014 21:02:44

Sehr geehrter Herr Mehdorn,

ich freue mich sehr, dass Sie an managerfragen.org teilnehmen und im Rahmen dessen auf Fragen der Allgemeinheit eingehen.
Zusammen mit weiteren Stipendiaten der „Studienstiftung des deutschen Volkes“ helfe ich, einen mehrtägigen Kongress zum Thema „Social Entrepreneurship“ im April 2014 an der RWTH Aachen University zu organisieren. In den Tagen des Kongresses möchten wir tiefergreifend auf diese Thematik eingehen und junge Studierende für soziales Unternehmertum begeistern.

Bei der Anmeldung zum Kongress hatten die teilnehmenden Studierende die Möglichkeit, uns ihre Fragen zum Thema Sozialunternehmertum zu stellen. Ein paar wesentliche möchte ich gern an Sie weiterreichen:

Was verstehen Sie unter einem Social Enterprise? Haben Sie in Ihrer Laufbahn versucht, Wirtschaftlichkeit und Verantwortung für die Gesellschaft unter einen Hut zu bringen? Mit welchen Problemen waren Sie dabei konfrontiert?

Im Namen aller Mitglieder meines Organisationsteams möchte ich mich im Voraus für Ihre Mühen bedanken. Wir sind gespannt auf Ihre Antworten und würden sie auch gerne auf unserem Kongress vorstellen.

Mit freundlichen Grüßen
Ihr Thaksan Sothinathan
SOCIAL ENTREPRENEURSHIP KONGRESS AACHEN 2014

25.02.2014 10:07:18

Sehr geehrter Herr Sothinathan,

nach gängiger Lesart ist ein Social Entrepreneur ein Unternehmer, der das Gemeinwohl verbessern will und ein soziales oder ein ökologisches Problem auf einem neuen Weg lösen will.

Für mich beginnt Social Enterprise schon viel früher. Denn: Bevor ein Unternehmen Wohltaten vollbringen kann, muss es erst einmal bestehen, funktionieren und Gewinne machen. Deshalb kann bereits die Gründung eines Unternehmens soziales Unternehmertum sein.

Obwohl ich immer nur angestellter Manager und nie Miteigentümer einer Firma war, sehe ich mich doch über weite Strecken als Social Entrepreneur. Selbst Leute, die mich nicht mögen, bescheinigen mir, dass ich einen wesentlichen Anteil daran hatte, dass die Endmontage des Airbus A320 in Bremen und nicht irgendwo anders in Europa stattfand. Damit wurden in der strukturschwachen Küstenregion Arbeitsplätze geschaffen – und damit auch die Voraussetzungen für eine gesellschaftliche Entwicklung.

Dass die Produktion des Flugzeuges umweltverträglich erfolgte und trotzdem profitabel war, gehörte damals noch nicht zu den Selbstverständlichkeiten des Alltages – und wurde deshalb auch kaum von der Öffentlichkeit gewürdigt. Social Enterprise war damals ja auch noch kein Modewort.

Ganz andere Voraussetzungen fand ich dann bei der Deutschen Bahn vor. Das war ein staatliches Traditionsunternehmen, dessen Social Enterprise vor allem darin bestand, dass es tausende Menschen beschäftigte, die es eigentlich gar nicht benötigte. Das ist für sich genommen natürlich auch eine ebenso soziale wie nachhaltige Tat, doch leider eine, die zu Lasten des Steuerzahlers geht und die spätestens nach der ersten Wirtschafts- und Finanzkrise wie eine Seifenblase platzt.

Unter meiner Regie wurde aus der mit Milliarden-Verlust arbeitenden Behörde Bundesbahn ein gewinnträchtiges Unternehmen. Das konnte seine Züge zwar nicht mehr an jeder Milchkanne halten lassen, garantierte aber dennoch ein Streckennetz, das in seiner Art in Europa einmalig und das auch heute noch immer ständig stärker genutzt wird. Und das damit eine echte und nachhaltige Alternative zum Auto und zum Flugzeug ist. Anderswo auf der Welt, machen Bahngesellschaften reihenweise Pleite und sind dadurch außer Stande, für Social Enterprise zu sorgen.

Als ich ziemlich überraschend zum Vorstandsvorsitzen von Air Berlin berufen wurde, bestand meine Hauptaufgabe vor allem darin, das Überleben der Firma zu sichern. Das allein war auch schon ein Akt von Social Enterprise. Nicht nur wegen des Erhalts von mehr als 9.000 Arbeitsplätzen, sondern weil ohne den Fortbestand von Air Berlin das Fliegen für Millionen Menschen in Deutschland teurer geworden wäre. Denn dann hätte ein Monopolist den Markt beherrscht.

Bei der Flughafen Berlin Brandenburg GmbH musste Social Enterprise nicht von mir erfunden werden. Da steht es praktisch schon in den Statuten. Schließlich sind die Länder Berlin und Brandenburg sowie die Bundesrepublik Deutschland Eigentümer des Unternehmens. Und die Politiker, die im Aufsichtsrat sitzen, nehmen ihre soziale Verantwortung sehr ernst. Sie haben ja auch den verständlichen Wunsch, bei der nächsten Wahl bestätigt zu werden. Also tun sie alles, um den Flugverkehr nachhaltig so umweltverträglich wie möglich zu gestalten und für alle eine ebenso sicher wie ergiebige Welt zu schaffen. Und für den Fall, dass sie einmal der Mobilität den Vorzug vor der Sozial-Ökologie geben sollten, gibt es ja noch Richter, die manchmal für eine andere Rangordnung sorgen. Die verstehen sich dann wohl auch als Social Enterpreneure. In einer Demokratie muss man auch damit leben. Fest steht jedenfalls: Verantwortung für die Gesellschaft tragen wir alle.

04.03.2014 09:03:24

Sehr geehrter Herr Mehdorn,

vielen Dank für Ihre ausführlichen Einblicke in die Beispiele aus Ihrem persönlichen Werdegang!

Auch wenn es sich auf den ersten Blick so anhört, als wäre jeder Manager eines Großkonzerns ein Social Entrepreneur, schildern Sie verständlich, dass eben in vielen Bereichen Social Entrepreneurship steckt – nicht nur in den „kleinen“ Start-Up Unternehmen, die auf ihrem Weg versuchen, die Welt ein wenig besser zu gestalten, sondern auch in den großen Konzernen, die allein schon aufgrund ihrer Beschäftigtenzahlen o.Ä. einen gesellschaftlichen Auftrag erfüllen müssen.

Sie verdeutlichen an Ihren Beispielen, DASS Sie sich als Social Entrepreneur eingesetzt haben und weiter einsetzen. Mich würde nun interessieren, WIE Sie dies getan haben bzw. tun.
Die Beispiele zeigen auf, dass man oft auf Widerstand stoßen kann, sei es durch die Politik oder interne Diskussionen. Wie haben Sie Ihre Kollegen/Vorgesetzten überzeugen können, in Deutschland zu produzieren, umweltverträglich zu arbeiten und dabei eventuell auf mögliche Mehr-Gewinne zu verzichten?

Vielen Dank im Voraus und beste Grüße
Ihr Thaksan Sothinathan
Social Entrepreneurship Kongress Aachen 2014

Adressat/in der Frage

Hartmut Mehdorn

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