Verfasser/in der Frage

27.03.2013 11:23:43

Lieber Herr Thielen,
die deutsche Wirtschaft hat sich in den letzten Jahren m.E. stark verändert. Zulieferer und Dienstleister tragen zu einem immer größeren Teil der Wertschöpfung eines Unternehmens bei. Selbständige Berater, Freiberufler und Freelancer arbeiten wie festangestellte Mitarbeiter in Unternehmen teilweise jahrelang auf Projektbasis mit. Die traditionellen Unternehmensstrukturen, in denen ein Unternehmen den Großteil der Wertschöpfung selbst erbringt und alle Mitarbeiter unternehmensintern fest angestellt sind, existieren nur noch in wenigen Einzelfällen.
Zusätzlich hat sich seit der Jahrtausendwende eine stark wachsende Start-Up- und Internetunternehmer-Szene gebildet. Immer mehr Uni-Absolventen machen sich in diesem Bereich selbstständig, statt zu einem der großen Konzerne zu gehen. Wir erleben eine neue Gründerwelle.
Die Politik aber scheint weiterhin nur zwischen „Mittelstand“ und Konzernen differenzieren zu können. Insbesondere in der Union vermisse ich Köpfe, die sich dem Thema annehmen & auf diese innovative und für eine globalisierte, möglichst flexible Wirtschaft so wichtige Zielgruppe zugeht – Wirtschaftspolitik auch zur Förderung dieses innovationsstarken Bereichs zu gestalten.
Wie steht die Konrad-Adenauer-Stiftung als politischer Think-Tank zu diesen neuen Realitäten? Wie wollen Sie die Gründerkultur in Deutschland weiter fördern (obwohl in Deutschland „scheitern“ weiterhin sehr negativ behaftet ist)? Und da Politik auch immer persönlich ist, welche Köpfe in der Union verkörpern für Sie diese neue Gründergeneration?
Herzlichen Dank Ihnen, dass Sie sich auf managerfragen.org für Bürger befragbar machen! Ich freue mich auf Ihre Antwort.
Henrik Matthies

09.04.2013 19:07:18

Lieber Herr Matthies,

vielen Dank für Ihre Fragen.

Es ist nicht zu bestreiten, dass die deutsche Wirtschaft sich auch strukturell im letzten jahrzehnt spürbar verändert hat. Sie weisen auf einige Aspekte hin. Allerdings hat sich gerade die intakte industrielle Basis des Landes als eine der Stärken in der Krise erwiesen. Durchaus traditionelle, aber hochinnovative Branchen, etwa im Maschinenbau,prägen weiterhin das deutsche "Geschäftsmodell". Länder, die sehr einseitig, zum Teil politisch gezielt,auf einige wenige Dienstleistungsbereiche gesetzt haben, stehen vor größeren Problemen. Das ändert nichts daran, dass die Forderung nach mehr politischer Aufmerksamkeit für die Gründungsdynamik aus meiner Sicht berechtigt ist, im Blick auf die Internetszene ebenso wie bei der Biotechnologie und anderen Spitzentechnologien. Deutschland hat durchaus einiges erreicht, z.B. beim Zugang zu Gründungskapital. Es bleiben Baustellen. Eine ist der Kapiatlzugang in der riskanten Wachstumsphase. Da hat es Anläufe gegeben, schon in der Großen Koalition. Damals scheiterte das vor allem am Finanzministerium, weil die Furcht vor Einnahmneausfällen und vor Missbrauchsmöglichkeiten zu gross waren. Das ist ja auch nicht völlig unberechtigt, aber wir sollten etwas tun, vor allem für sog. Business Angels. Zweitens bleibt der Bürokratieabbau eine Daueraufgabe, allerdings zunehmend in einem länderübergreifenden, europäischen Kontext. Drittens müssen wir die FuE-Anstrengungen ungeachtet aller Erfolge in diesem Bereich weiter steigern, auch an der Schnittstelle zwischen öffentlich finanzierten FuE- Einrichtungen und dem privatwirtschaftlichen Bereich. Und schliesslich gibt es interessante Zusammenhänge zwischen Gründungs- und Innovationsdynamik auf der einen und der Struktur des Bildungssystems auf der anderen Seite. Diese Hinweise raten eher dazu, in der Bildung nicht zu stark und zu früh auf Spezialisierung zu setzen. Das sind Punkte, die mir in der Sache wichtig erscheinen, Experten in diesem Bereich würden vielleicht andere Gewichte sehen. Ich glaube, dass die Union durchaus die volkswirtschaftliche und politische Relevanz dieses Themas sieht. Die Bundeskanzlerin selbst hat ja auch öffentlich sichtbar entsprechende Akzente gesetzt und vor allem bei der Innovationsdynamik hat Deutschland spürbar Fortschritte gemacht in den letzten Jahren. Die Adenauer-Stiftung jedenfalls wird die politische Förderung der Gründerkultur auf ihrer Agenda Gewicht geben, um unserer Aufgabe als Anreger gerecht zu werden. Dazu müssen wir als Organisation vor allem näher an die Gründer heran rücken, um deren Perspektive stärker zur Sprache zu bringen und um den ergebnisorientierten Dialog mit der Politik auszubauen. Es stimmt,dass es dabei wichtig ist, bei diesem Thema politisch noch stärker "Gesichter zu zeigen".

Wenn Sie oder andere hier auf dieser Plattform konkrete Ideen haben für die Weiterentwicklung der Gründungskultur in Deutschland, sind wir dankbar dafür. Mit freundlichen Grüßen Michael Thielen

Adressat/in der Frage

Michael Thielen

Konrad-Adenauer-Stiftung e.V.
Generalsekretär
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